Clarice Lispector, Die Passion nach G.H.
von Peter Koj
Ende des letzten Jahres erschien im Penguin Verlag die
Übersetzung des Werkes A PAIXÃO SEGUNDO G. H. Das Original stammt aus
dem Jahr1964. Wieder zeichnet Luis Ruby für die Übersetzung verantwortlich.
Außer dem noch von Ray-Güde Mertin übersetzten Roman Nahe dem wilden Herzen
hat er alle anderen, in Deutschland publizierten Romane dieser
außergewöhnlichen brasilianischen Autorin übersetzt (wir haben sie alle im Buchtipp
Januar 2017 in der Portugal-Post 62 vorgestellt). Und auch die
Übersetzung ihrer Kolumnen, die 2023 unter Wofür ich mein Leben gebe (unser
Buchtipp Oktober 2024) erschienen, stammt von dem in München geborenen
Übersetzer. Die Kolumnen sind im Vergleich zum vorliegenden Roman eher leichte
Kost. Clarice selbst hält ihn für ihr gelungenstes Werk. Hier findet sich in
geballter Form, was wir aus ihren anderen Romanen kennen: eine unerschrockene
Leidenschaft und Kompromisslosigkeit.
Hauptfigur ist die Ich-Erzählerin G. H. Selbst wenn sie – im
Gegensatz zur Autorin –unverheiratet und kinderlos ist, ist sie so etwas wie
Clarice Lispectors alter ego: eine Künstlerin der gehobenen Gesellschaft
von Rio de Janeiro. Sie wird aus ihrem gepflegten und geregelten Alltag jäh herausgerissen,
als sie zum ersten Mal das Zimmer ihres Dienstmädchens betritt, das vor einiger
Zeit gekündigt hat. Die unerwartete Aufgeräumtheit und Leere des Raumes löst in
ihr große Verwirrung aus. Diese steigert sich noch beim Anblick zweier
Graffiti-Figuren an der Wand (eine weibliche und eine männliche Figur) und
völlig aus der emotionalen und rationalen Bahn bringt sie eine Kakerlake, die
in den leeren Schrank zu flüchten sucht. G. H. zerquetscht sie allerdings, als
sie die Schranktür schließt.
Eine an Kafkas Die Verwandlung erinnernde Szene. Doch
verwandelt sich die Protagonisten nicht in ein Insekt. Der Anblick der
verendenden Kakerlake löst bei ihr einen totalen „Ausbruch aus dem menschlichen
Gefüge“ aus und eine unerbittliche existenz-philosophische Suche nach „Aufbrüchen“,
getragen von starker Emotionalität (so die immer wieder durch ein „Ah“ begleiteten
Erkenntnisschübe und ein ständiges Flehen nach Zeichen der Zuneigung). Dies führt
– laut Hanna Sohns von der Süddeutschen Zeitung vom 7.8.2025 – zu „einem
der radikalsten Monologe der Literaturgeschichte“. Hinzu kommt der kreative
Umgang der Autorin mit der Sprache in Form von Neologismen in der Grammatik und
im Wortschatz. Luis Ruby versteht es nicht nur, dies mit viel Sensibilität ins
Deutsche zu übertragen, mit seiner NACHBEMERKUNG DES ÜBERSETZERS bietet er uns
einen Einstieg in das Verständnis des Werkes.
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