Donnerstag, 1. Januar 2026

2026, Januar - Clarice Lispector, Die Passion nach G.H.

 Clarice Lispector, Die Passion nach G.H.

von Peter Koj

Ende des letzten Jahres erschien im Penguin Verlag die Übersetzung des Werkes A PAIXÃO SEGUNDO G. H. Das Original stammt aus dem Jahr1964. Wieder zeichnet Luis Ruby für die Übersetzung verantwortlich. Außer dem noch von Ray-Güde Mertin übersetzten Roman Nahe dem wilden Herzen hat er alle anderen, in Deutschland publizierten Romane dieser außergewöhnlichen brasilianischen Autorin übersetzt (wir haben sie alle im Buchtipp Januar 2017 in der Portugal-Post 62 vorgestellt). Und auch die Übersetzung ihrer Kolumnen, die 2023 unter Wofür ich mein Leben gebe (unser Buchtipp Oktober 2024) erschienen, stammt von dem in München geborenen Übersetzer. Die Kolumnen sind im Vergleich zum vorliegenden Roman eher leichte Kost. Clarice selbst hält ihn für ihr gelungenstes Werk. Hier findet sich in geballter Form, was wir aus ihren anderen Romanen kennen: eine unerschrockene Leidenschaft und Kompromisslosigkeit.

Hauptfigur ist die Ich-Erzählerin G. H. Selbst wenn sie – im Gegensatz zur Autorin –unverheiratet und kinderlos ist, ist sie so etwas wie Clarice Lispectors alter ego: eine Künstlerin der gehobenen Gesellschaft von Rio de Janeiro. Sie wird aus ihrem gepflegten und geregelten Alltag jäh herausgerissen, als sie zum ersten Mal das Zimmer ihres Dienstmädchens betritt, das vor einiger Zeit gekündigt hat. Die unerwartete Aufgeräumtheit und Leere des Raumes löst in ihr große Verwirrung aus. Diese steigert sich noch beim Anblick zweier Graffiti-Figuren an der Wand (eine weibliche und eine männliche Figur) und völlig aus der emotionalen und rationalen Bahn bringt sie eine Kakerlake, die in den leeren Schrank zu flüchten sucht. G. H. zerquetscht sie allerdings, als sie die Schranktür schließt.

Eine an Kafkas Die Verwandlung erinnernde Szene. Doch verwandelt sich die Protagonisten nicht in ein Insekt. Der Anblick der verendenden Kakerlake löst bei ihr einen totalen „Ausbruch aus dem menschlichen Gefüge“ aus und eine unerbittliche existenz-philosophische Suche nach „Aufbrüchen“, getragen von starker Emotionalität (so die immer wieder durch ein „Ah“ begleiteten Erkenntnisschübe und ein ständiges Flehen nach Zeichen der Zuneigung). Dies führt – laut Hanna Sohns von der Süddeutschen Zeitung vom 7.8.2025 – zu „einem der radikalsten Monologe der Literaturgeschichte“. Hinzu kommt der kreative Umgang der Autorin mit der Sprache in Form von Neologismen in der Grammatik und im Wortschatz. Luis Ruby versteht es nicht nur, dies mit viel Sensibilität ins Deutsche zu übertragen, mit seiner NACHBEMERKUNG DES ÜBERSETZERS bietet er uns einen Einstieg in das Verständnis des Werkes.

 

Clarice Lispector, DIE PASSION NACH G. H. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby Penguin München Verlag 2025, 24,00 €